Große Hoffnungen und brüchige Koalitionen: Industrie, Politik und die schwierige Durchsetzung der Photovoltaik

Ergen, Timur: Große Hoffnungen und brüchige Koalitionen: Industrie, Politik und die schwierige Durchsetzung der Photovoltaik. Schriften aus dem MPI für Gesellschaftsforschung, Frankfurt am Main, Campus, 2015, S. 343, ISBN 9783593504995, 39,90€.

Die Energiewende ist das größte und mit Abstand teuerste umwelt- und industriepolitische Projekt der Nachkriegszeit. Zum Ende des Jahres 2018 wird die Förderung des Ausbaus der Erneuerbaren Energien durch die EEG-Umlage rund 262 Milliarden Euro gekostet haben. Der Weg zur Durchsetzung der Erneuerbaren Energien und des Aufbaus eines Industriesektors in diesem Bereich war dabei allerdings alles andere als erfolgsversprechend – auch wenn dies heute kaum mehr so erscheint.

In seinem Buch „Große Hoffnungen und brüchige Koalitionen: Industrie, Politik und die schwierige Durchsetzung der Photovoltaik“ aus dem Jahr 2015 zeigt Timur Ergen, wie schwierig es war, die Photovoltaik (PV) in den Markt einzuführen und als Energiequelle zu etablieren, obwohl die Solarenergie seit dem 19. Jahrhundert enorme Erwartungen weckte. Mit ihr wurden Ideen verbunden, die vom Ende der Ressourcenverschwendung, des Umweltschutzes bis hin zur Lösung der sozialen Frage und der Energieautarkie reichten. Anhand einer historischen Rekonstruktion deckt Ergen aber auf, warum die PV und die Solarindustrie dennoch immer wieder scheiterten.

In sechs Kapiteln zeichnet Ergen sehr detailreich die Geschichte der PV nach. Er beginnt im 19. Jahrhundert, als Erfinder die ersten Sonnenmotoren entwickelten und Solarunternehmer versuchten, die neue Technologie in den Massenmarkt zu bringen, dabei allerdings scheiterten. Im 3. Kapitel geht er auf die 1950er und -60er Jahre ein. Hier waren es die ersten Rohstoffkrisen bei gleichzeitigen Überkapazitäten nach dem zweiten Weltkrieg, die die Debatten um die PV prägten. Kohle und Öl dominierten den Energiesektor und die zivile Kernenergienutzung kam auf. Nach anfänglichen Versuchen, einen Sektor zu etablieren, blieb der PV nur eine Nische in der Weltraumforschung übrig. Das 4. Kapitel behandelt die 1970er Jahre. Diese waren durch den Kalten Krieg, die Umweltverschmutzung und fatalistische Zukunftsszenarien geprägt. Hieraus und aufgrund der Ölkrise zu Beginn des Jahrzehnts politisierte sich das Thema Energie und die PV-Forschung wurde wiederbelebt. Aber erst in den 1980er und -90er Jahren (5. Kapitel) und unter dem Eindruck von Tschernobyl, des Klimawandels und der Ökologiebewegung gelangte es, die PV auf einen dauerhaften Entwicklungspfad einzuschwenken. Hierzu gehört die politische Einführung des Einspeisevorranges für regenerativen Strom ins deutsche Stromnetz. Dieser wurde dadurch marktwirtschaftlich positiv diskriminiert und erhielt, trotz fehlender Wettbewerbsfähigkeit, einen Marktzugang. Das 6. Kapitel geht auf die Boom-Phase der PV ein, die in Deutschland durch das Erneuerbare-Energien-Gesetz im Jahr 2000 eingeleitet wurde. Hierdurch schuf der Staat eine Marktnische, in der die neue Technologie sicher zur Marktreife entwickelt werden konnte. Das 7. Kapitel beschreibt den Niedergang der Industrie in Deutschland seit Ende der 2000er Jahre. Im 8. Kapitel fast Ergen seine empirischen Ergebnisse zusammen und formuliert einige theoretische Schlussfolgerungen.

Daneben geht das Buch einer theoretischen Frage nach. Bisher wurde die Durchsetzung der PV als lineare Entstehung einer Marktnische beschrieben. Akteursgruppen entwickelten politische, finanzielle, technische und personelle Macht, mit der sie ein öffentliches Förderregime (Einspeisevorrang und EEG-Umlage) durchdrückten und einen Markt für die PV schufen. Hierum konnte sich eine PV-Industrie entwickeln. Der Prozess folgte der Steigerungslogik der Pfadabhängigkeit. Je mehr sich die Gruppen organisierten, lernten, größer wurden, Netzwerke ausbildeten, Unterstützung und Ressourcen erhielten, desto mehr verstärkte sich dieser Prozess. Es entstand ein stabiler Entwicklungspfad, von dem die Gruppen selbst wieder profitierten.

Ergen zweifelt in seinem Buch an dieser These. Stattdessen, so sein Argument, blockierten sich unterschiedliche Gruppen bei jedem Industrialisierungsversuch gegenseitig. Dadurch entstanden regelmäßig kollektive Handlungs- und Koordinationsprobleme. Selbst als der aktuell anhaltende Entwicklungspfad ab den 1970er Jahren einsetzte, kam es zu Interessenskonflikten und brüchigen Koalitionen. Gemeinsame Strategien konnten oft nicht entwickelt werden und die einzelnen Initiativen verpufften. Die internen Konflikte waren so schwerwiegend, dass trotz enormer Erfolge in den 2000er Jahren und der andauernden öffentlichen Förderung die PV-Industrie in Deutschland mittlerweile völlig zusammengebrochen ist.

Ergen schließt daraus: Industrielle Organisations- und Handlungsprobleme müssten in Theorien zur Entstehung industrieller Sektoren und bei der Pfadkreation stärker berücksichtigt werden. Stabile soziale und institutionelle Strukturen hätte trotz öffentlicher Förderung und diverser Erfolge keine Gruppe im Sektor durchsetzen können. Dass ein Entwicklungspfad auch brechen kann, wie die PV zeigt, hat die Forschung bisher nicht berücksichtigt. In seinem Buch entwickelt er deshalb am Beispiel der PV Hypothesen über das Scheitern von Etablierungsversuchen und Entwicklungspfaden. Hierzu nutz er neben einer historischen Rekonstruktion auch einen Ländervergleich zwischen den USA und Deutschland. In beiden Ländern verlief die Etablierung und das Scheitern der PV nämlich ähnlich.

Wie lässt sich das Buch bewerten? Für PV-Interessierte ist es ein unschätzbares Kompendium, das die historische Entwicklung detailreich nachzeichnet. Mit seinem Argument, dass sich Industriesektoren nur selten auf einem stabilen Entwicklungspfad befinden, analysiert Ergen das Defizit aktueller Theorien in diesem Bereich sehr genau. Er stellt die endogenen Konflikte ins Zentrum seiner Analyse, die durch unterschiedliche Interessen entstehen. Sind die Fronten verhärtet und findet keine Mediation von außen statt, dann ist sogar ein „kollektiver Selbstmord“ möglich. So war es auch bei den Interessenskonflikten in Deutschland, die zum Zusammenbruch der PV-Industrie geführt haben. Erst aus diesem analytischen Blickwinkel erschließt sich der politische Aufwand, der für die Stabilisierung eines Entwicklungspfades getätigt werden muss.

So gut die empirische und theoretische Analyse auch ist, für eine zweite Auflage des Buches könnten einige Verbesserungen umgesetzt werden. Erstens könnten manche Stellen etwas klarer und weniger technisch formuliert werden. Zweitens wäre ein Methoden- und Theoriekapitel sinnvoll. Drittens könnte die Arbeit im Fazit stärker generalisieren. Hier wäre eine Auflistung und Verallgemeinerung der in der Analyse gefundenen kausalen Mechanismen lohnend. Viertens bleibt die Frage offen: Wie harmonisch müssen Advokatenkoalitionen sein, damit eine neue Technologie erfolgreich durchgesetzt werden kann und eine stabile Industrie entsteht?

Insgesamt liefert Ergen mit seinem Buch einen sehr wichtigen Beitrag für die politische Diskussion und wissenschaftliche Forschung über die Etablierung von Wirtschaftssektoren und Technologien im Allgemeinen und der Erneuerbaren Energien im Speziellen. Besonders jetzt, wo mit dem Kohleausstieg ein weiterer Wendepunkt in der deutschen Energieversorgung eingeleitet wird, ist die Arbeit eine unverzichtbare Lektüre für Entscheider, denn die Entwicklungspfade, die die Energiepolitik heute einschlägt, müssen auch in Zukunft stabilisiert werden. Die Frage ist bloß: Zu welchen Kosten?

Für seine Arbeit wurde Ergen mit dem Theodor-Wessels-Preis des Energiewirtschaftlichen Institutes ausgezeichnet.

Dr. Christian Tribowski

Branchenanalyst

Handelsblatt Research Institute

Toulouser Allee 27

40211 Düsseldorf

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